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Wie stabil ist Polycro wirklich? Zugfestigkeit, Weiterreißfestigkeit & Durchstoßwiderstand erklärt

vor 4 Tagen
7 Min. Lesezeit

Ultraleichte Zeltunterlagen aus Folie haben einen klaren Reiz: Sie sind extrem leicht, lassen sich klein packen und kosten oft deutlich weniger als klassische Gewebe-Footprints. Um die Stabilität solcher Folien wirklich einzuschätzen, reicht ein Bauchgefühl ("fühlt sich robust an") oder ein einzelner Erfahrungsbericht aber nicht aus – entscheidend sind messbare Kennwerte wie Zugfestigkeit, Dehnung, Weiterreißfestigkeit und Durchstoßfestigkeit, die nach anerkannten Normen ermittelt werden.

In diesem Artikel schauen wir uns an, was hinter Normen wie ASTM D882, DIN EN ISO 13937-2 und ASTM F1306 steckt, und wie sich damit die veröffentlichten Kennwerte von Fensterisolierfolien, Marken-Footprints und spezialisierten Outdoor-Filmen wie XFOIL tatsächlich vergleichen lassen.


Mechanische Kennwerte: die Basis für belastbare Vergleiche


Bevor wir über Prüfnormen und Anbieter sprechen, lohnt ein Blick auf die wichtigsten Kennwerte, mit denen die Stabilität von Folien beschrieben wird.

Zugfestigkeit – Die Zugfestigkeit beschreibt die maximale Zugspannung, die ein Material aushält, bevor es bricht. Gemessen wird die dafür notwendige Kraft bezogen auf die Querschnittsfläche, in der Praxis meist in N/mm² oder MPa. Für Folien-Groundsheets ist das relevant, wenn sie unter Zug stehen – etwa beim Spannen eines Tarps oder wenn Last über die Folie übertragen wird.

Bruchdehnung / Elongation – Die Bruchdehnung gibt an, wie stark sich eine Folie dehnen kann, bevor sie reißt. Hohe Werte sprechen häufig für ein zähes Material, das nicht spröde versagt, sondern sich unter Last noch ein Stück "mitbewegt".

Steifigkeit / Elastizitätsmodul – Der Elastizitätsmodul (oft kurz "Modul") beschreibt, wie stark sich ein Material unter gegebener Spannung dehnt. Ein hoher Modul bedeutet eine steifere Folie, ein niedriger Modul eine flexiblere. Für Groundsheets ist das vor allem aus Komfort- und Handling-Gründen interessant.

Weiterreißfestigkeit / Tear Strength – Die Weiterreißfestigkeit beschreibt, wie viel Kraft nötig ist, um einen bereits vorhandenen Riss weiter auszubreiten. Gerade bei sehr dünnen Folien ist das entscheidend: Ein kleiner Einschnitt am Rand kann entweder lokal bleiben – oder sich unter Zug über die ganze Länge durchziehen.

Durchstoßfestigkeit / Puncture Resistance – Die Durchstoßfestigkeit gibt an, welche Kraft erforderlich ist, um die Folie mit einem definierten Prüfkörper zu durchstoßen. Das ist die normnahe Entsprechung zu Alltagsfragen wie: "Wie gut hält die Folie spitze Steine, Tannennadeln oder Dornengestrüpp aus?"

Diese Kennwerte werden in standardisierten Prüfaufbauten bestimmt – und genau dort kommen die Normen ins Spiel.


ASTM D882: Zugversuch für dünne Kunststofffolien


ASTM D882 ist eine der wichtigsten Normen, wenn es um die Zugfestigkeit dünner Kunststofffolien geht. Sie wird in der Verpackungsindustrie genauso eingesetzt wie bei technischen Filmen.

Was wird gemacht?

  • Aus der Folie werden schmale Streifen ausgeschnitten.

  • Diese Streifen werden in eine Zugprüfmaschine eingespannt und mit konstanter Geschwindigkeit auseinandergezogen, bis sie reißen.

  • Während dessen zeichnet die Maschine Kraft und Dehnung auf; aus der Kurve lassen sich Zugfestigkeit, Bruchdehnung und der Elastizitätsmodul berechnen.

Warum ist das relevant? Für Groundsheet-Folien ist der ASTM-D882-Zugversuch ein zentrales Werkzeug, um objektiv zu beschreiben, wie viel Zug ein Material aushält und wie es sich vor dem Bruch verhält. Zwei Folien mit ähnlichem Flächengewicht können hier sehr unterschiedliche Werte haben – und damit eine deutlich andere Sicherheitsreserve in der Praxis.


DIN EN ISO 13937-2: Weiterreißfestigkeit von Geweben (Trouser Method)


Während ASTM D882 vor allem Folien und dünne Schichten adressiert, konzentriert sich DIN EN ISO 13937-2 auf die Weiterreißfestigkeit von Textilien, vor allem von Geweben (z. B. Zeltböden aus Nylon oder Polyester).

Testprinzip (Trouser-Test)

  • Aus dem Stoff wird ein rechteckiges Stück mit einem mittigen Einschnitt hergestellt, das eine "Hosenbein"-Form bildet.

  • Die beiden Schenkel werden in einer Zugmaschine auseinandergezogen; der Riss läuft dabei vom Einschnitt aus weiter.

  • Die Norm definiert, wie die entstehenden Kraftspitzen ausgewertet und zu einem mittleren Weiterreißwert zusammengefasst werden.

Übertragbarkeit auf Folien – Die Methode ist für Gewebe entwickelt worden; bei Folien ohne Faserstruktur ist sie nur eingeschränkt sinnvoll. Trotzdem hilft sie, den Unterschied zwischen folienbasierten Groundsheets und Gewebe-Footprints zu verstehen: Gewebe können bei einem beginnenden Riss teilweise anders "auffasern" und Energie abbauen, während Folien eher eine scharfe Rissfront haben.


ASTM F1306: Durchstoßwiderstand von Folien und Laminaten (Slow Rate Penetration)


Die dritte relevante Norm betrifft genau die Eigenschaft, die für ein Groundsheet aus Nutzersicht oft am wichtigsten ist: den Widerstand gegen Durchstoßen. ASTM F1306 prüft den sogenannten "Slow Rate Penetration"-Widerstand flexibler Barrierefolien und Laminate.

Testprinzip

  • Aus der Folie werden Prüfstücke (üblicherweise 3 × 3 Zoll) einzeln in eine Spannvorrichtung eingespannt.

  • Ein genormter, angespitzter Prüfkörper wird mit konstanter Geschwindigkeit gegen die eingespannte Folie gefahren, bis sie vollständig durchstoßen ist.

  • Gemessen werden die maximale Durchstoßkraft, die dabei aufgenommene Energie sowie der zurückgelegte Weg des Prüfkörpers bis zum Durchbruch.

Warum ändert das nichts am Kernproblem? ASTM F1306 (und ähnlich das verwandte ASTM D1709 für den Fallgewichts-Stoßtest) existieren also längst als anerkannte Prüfmethoden für genau diese Eigenschaft. Das eigentliche Problem ist nicht das Fehlen einer Norm, sondern dass die wenigsten Anbieter von Fensterisolierfolien oder Marken-Footprints tatsächlich einen nach ASTM F1306 oder einer vergleichbaren Norm ermittelten Durchstoßwert veröffentlichen. Eine anerkannte Prüfnorm allein löst das Vergleichsproblem also nicht – entscheidend ist, ob ein Anbieter sie auch tatsächlich anwendet und den Wert offenlegt.


Kennwerte in der Praxis: was Anbieter tatsächlich veröffentlichen


Ob eine Folie als Fensterisolierfolie, als Marken-Footprint oder als spezialisierte Outdoor-Folie verkauft wird, sagt für sich genommen noch nichts über ihre Kennwerte aus – "Polycro" ist ohnehin nur ein Sammelbegriff für verschiedene Folientypen, kein Werkstoffname mit fester Bedeutung. Wer wissen will, woher der Begriff kommt und welche Folientypen heute darunter verkauft werden, findet das ausführlich in unserem Artikel Polycro, Polycryo, xfoil, Fensterisolierfolien und noch mehr.... Hier soll es stattdessen nur um eine Frage gehen: Welche der oben erklärten Kennwerte veröffentlicht welche Anbietergruppe tatsächlich?


1. Fensterisolierfolien ("Baumarkt-Polycro")


Ein Großteil der frühen "Polycro"-Setups basierte auf günstigen Fensterisolierfolien: transparenter Schrumpffilm, der eigentlich dafür gedacht ist, Fenster im Winter abzudichten.

Charakteristisch für diese Gruppe:

  • Einsatzbereich: kurzfristige Fensterisolierung, nicht dauerhafte Outdoor-Nutzung.

  • Material: meist einfache Polyolefin- oder PE-Folien, nicht unbedingt quervernetzt; Details stehen selten auf der Verpackung.

  • Datenlage: Normdaten zu Zugfestigkeit, Dehnung oder Durchstoßfestigkeit sind für Endkund:innen praktisch nicht verfügbar; übrig bleiben Gewicht (wenn überhaupt angegeben) und subjektive Eindrücke aus Tourberichten.

Solche Folien funktionieren als Einstieg, sind aber technisch schwer vergleichbar, weil die Kennwerte nicht veröffentlicht werden. Wer zwei Fensterfolien unterschiedlicher Marken nutzt, kann in der Praxis sehr unterschiedliche Stabilität erleben, ohne genau zu wissen, warum.


2. Marken-Footprints von Gossamer Gear & Six Moon Designs


Eine Ebene darüber liegen die bekannten "Polycro"-Footprints von Gossamer Gear und Six Moon Designs. Hier ist dokumentiert, dass es sich um "multilayer, cross-linked polyolefin film" handelt, also um quervernetzte, mehrlagige Polyolefin-Folien.

Gossamer Gear Polycryo Ground Cloth

  • Materialangabe: "multilayer, cross-linked polyolefin film", in einigen Quellen auch mit Markennamen ("PolyEarthylene") bezeichnet.

  • Typische Größe L: ca. 183 × 244 cm, Gewicht rund 98–104 g je nach Händlerangabe.

  • Nutzungsempfehlung: als ultraleichtes Groundsheet / Tent Footprint, mehrfach verwendbar, mit Fokus auf geringes Gewicht.

Six Moon Designs Polycro Footprint

  • Materialangabe: "industrial grade cross-linked polyolefin", teilweise mit dem Hinweis auf "ultra strong and ultra light Polycro membrane".

  • Beispiel Small-Footprint: ca. 244 × 102 cm, Gewicht laut Händlern etwa 44–51 g pro Sheet, Foliendicke ungefähr 0,75 mil (≈ 19 µm).

  • Verwendungszweck: als Groundsheet für Solo-Shelter oder 2-Personen-Zelte, häufig im 2er-Pack verkauft.

Wichtig an dieser Stelle: Beide Marken machen klar, dass sie quervernetzte Polyolefin-Folien einsetzen. Subjektive Formulierungen wie "extremely tough for its weight" oder "amazingly puncture resistant" stammen aus Marketingtexten oder Händlerbeschreibungen – nicht aus veröffentlichten, standardisierten Prüfberichten nach ASTM D882, ISO 13937-2 oder ASTM F1306. Öffentlich zugängliche Normdaten werden bisher nicht bereitgestellt; echte Vergleichbarkeit bleibt damit eingeschränkt möglich.


3. XFOIL: quervernetzte Polyolefin-Folie mit dokumentiertem Datenblatt


XFOIL gehört ebenfalls in die Gruppe quervernetzter Polyolefin-Filme, ist aber von Anfang an als Outdoor-Material mit klar dokumentierten Kennwerten konzipiert. Statt sich auf Formulierungen wie "fühlt sich stabil an" zu stützen, veröffentlichen wir konkrete Messwerte – damit sich Groundsheet-Optionen zumindest dort vergleichen lassen, wo auch andere Hersteller ihre Daten offenlegen.

Kennwert (MD/CD)

Wert

Zugfestigkeit

ca. 135 / 125 N/mm²

Bruchdehnung

ca. 130 / 120 %

Weiterreißfestigkeit (Elmendorf)

ca. 17,5 / 16,5 g

Foliendicke

19 µm

Aufbau

quervernetzte, mehrlagige Polyolefin-Folie (POF)

(MD = Maschinenrichtung, CD = Querrichtung zur Produktion – Folien sind je nach Herstellungsverfahren nicht in beide Richtungen exakt gleich belastbar, deshalb werden Zugfestigkeit und Dehnung meist als Wertepaar angegeben.)


Was der Vergleich in der Praxis bedeutet


Ein Punkt, der bei allen drei Gruppen auffällt: Für die Durchstoßfestigkeit – aus Nutzersicht oft die wichtigste Eigenschaft, weil sie über Steine, Wurzeln und Geröll entscheidet – gibt es zwar mit ASTM F1306 eine anerkannte Prüfnorm, aber keine einheitliche Praxis, nach der alle Hersteller und Lieferanten tatsächlich messen und veröffentlichen. Ein Durchstoßwert eines Anbieters lässt sich deshalb nicht ohne Weiteres mit dem eines anderen vergleichen, selbst wenn beide Werte seriös ermittelt wurden. Das gilt für Fensterfolien genauso wie für Marken-Footprints und für XFOIL.

Was sich dagegen sauber vergleichen lässt, sobald Zahlen vorliegen: Zugfestigkeit, Bruchdehnung und Weiterreißfestigkeit nach denselben oder vergleichbaren Normen. Genau hier liegt der Unterschied zwischen den drei Gruppen – nicht zwingend in der tatsächlichen mechanischen Qualität des Materials, sondern darin, ob und wie diese Qualität belegt wird.


Checkliste: Angaben zu Groundsheet-Folien kritisch einordnen


  • Steht ein konkreter Materialname dahinter (z. B. "cross-linked polyolefin") oder nur ein Sammelbegriff wie "Polycro"?

  • Werden Zugfestigkeit, Dehnung oder Weiterreißfestigkeit mit Zahlen und Prüfnorm genannt – oder nur mit Werbeadjektiven?

  • Ist die Foliendicke angegeben, und in welcher Einheit (µm, mil)?

  • Wurde der Durchstoßwert genannt – und wenn ja, nach welcher Prüfmethode (z. B. ASTM F1306 oder D1709)? Ohne Normangabe ist ein Vergleich zwischen Anbietern nur eingeschränkt aussagekräftig.

  • Stammt die Materialangabe vom Hersteller selbst oder nur aus einer Wiederverkäufer-Beschreibung?


Fazit


Für die drei wichtigsten mechanischen Eigenschaften einer Groundsheet-Folie – Zugfestigkeit, Weiterreißfestigkeit und Durchstoßwiderstand – gibt es mit ASTM D882, DIN EN ISO 13937-2 und ASTM F1306 anerkannte Prüfnormen. Das eigentliche Vergleichsproblem liegt nicht am Fehlen solcher Normen, sondern daran, dass zwischen einer Fensterisolierfolie, einem dokumentierten Marken-Footprint und einer Outdoor-Folie mit vollständigem technischem Datenblatt teils erhebliche Unterschiede bestehen – nicht unbedingt im Material selbst, sondern in der Nachvollziehbarkeit seiner Eigenschaften. Wer Zugfestigkeit, Dehnung und Weiterreißfestigkeit nach anerkannten Normen kennt, kann Groundsheet-Optionen tatsächlich vergleichen, statt sich auf "fühlt sich robust an" verlassen zu müssen. Die verbleibende Lücke – ein einheitlich veröffentlichter Durchstoßwert über alle Anbieter hinweg – betrifft die gesamte Branche gleichermaßen und bleibt ein Punkt, den man beim Vergleichen im Kopf behalten sollte.

 
 
 

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